Ausblick auf die Sektionen Panorama und begehrt! filmlust queer 2020

Las hijas del fuego (AR 2018, R: Albertina Carri)

Das »Panorama« und unsere queere Sektion »begehrt! filmlust queer« sind die Herzstücke im Kölner Festivalprofil. Hier gibt es einen ersten Ausblick auf die Filme, die dort ab 24. März zu sehen sind. 

Wo, fragen die Filme der Sektion Panorama, stehen wir gerade? In welche Richtung geht der nächste Schritt? Mit starken Bildern auf großer Leinwand werfen junge und etablierte Regisseurinnen einen scharfen Blick auf unsere Gesellschaft. In ihren Dokumentarfilmen trifft Autobiografisches auf Archivrecherche und diskursanalytische Essays, vermengt sich mit einer Portion Ironie, Landschaftsbildern und Portraits, und Text/Bild-Kombinationen, die einem die Welt auf den Kopf stellen. Festivalleiterin Dr. Maxa Zoller ist überzeugt: „Das Panorama zeigt die Filmemacherinnen von morgen, die die Normen hinterfragen, welche uns Mainstream und Medien glaubhaft machen wollen.“

Transnational, analytisch und alarmiert – so zeigt sich Deutschland im Panorama. Für Janna Ji Wonders Dokumentarfilm Walchensee Forever dient ein Haus an eben jenem Voralpensee als Ursprungsort autobiografischer Aufarbeitung, die sich über fünf Generationen zieht. Wonders sucht im Familienarchiv und in Gesprächen mit ihrer Mutter nach Bildern und Erinnerungen, die ihr helfen, das Mysterium der tragisch verstorbenen Tante in Worte zu fassen. Der Film erzählt das 20. Jahrhundert aus transgenerationeller Perspektive und streift Hippie-Träume und Drogenerfahrungen, wie sie zwischen den bayrischen Voralpen, San Francisco, einem indischen Ashram und der Kommune 1 gelebt wurden.

Kiffen, Alkohol, Speed, Koks – damit haben auch Kevin, David und Dominik reichlich Erfahrung. Friederike Güssefelds Out of Place konzentriert sich auf diese als „nicht integrierbar“ eingestuften Teenager, die ihre Jugend nun auf den Höfen rumänischer Bauernfamilien verbringen. Ein pädagogisches Projekt in einer globalisierten Welt, das nur beobachtet und ohne Interviews auskommt.

Narges Kalhors In the Name of Scheherazade oder der erste Biergarten in Teheran ist ein Hoch auf das kreative Erzählen in schwierigen Zeiten. Immer wieder auf ihre kulturelle Herkunft reduziert, scheint der Spielraum der Studentin an der HFF München klein. Die bewährten Kampfmittel der Komödie – Humor, Chaos, Slapstick – helfen Narges und ihrem Film dabei, starre Strukturen zu sprengen und im kollektiven Lachen Widerstand zu produzieren.

Sabine Derflinger porträtiert in DIE DOHNAL Frauenministerin/Feministin/Visionärin Johanna Dohnal, die 1990 die erste österreichische Frauenministerin wurde. Heutige Selbstverständlichkeiten wie Sorgerecht, Verbot von sexueller Belästigung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie waren Teil des politischen Kampfes dieser manchmal auch als „lesbisch-feministische Superheldin“ bezeichneten Politikerin.

In dem experimentellen, minimalistischen Dokumentarfilm Zustand und Gelände von Ute Adamczewski stehen sogenannte wilde Konzentrationslager im Mittelpunkt. Sie entstanden nach 1933 spontan und provisorisch, viele davon in Sachsen – damals eine Hochburg der Arbeiterbewegung. Das enge filmische Korsett, in das Adamczewski die Wucht ihrer Recherche zwingt, macht diesen Film zu einem äußerst intensiven Erlebnis. Er ist das Ergebnis einer alarmierten Generation, die der rechten Bewegung in der deutschen Gesellschaft etwas entgegensetzen möchte.

Die Langfilme der Panorama-Sektion werden ergänzt durch zwei Kurzfilmprogramme und die legendäre Lange Filmnacht, die mit 15 Filmen und einer Performance ausgiebiges Vergnügen garantiert. Es geht um Kehlkopfgesang in Kangirsuk, Tanz als Widerstand, Rapperhood in Compton, die Farbe Blau oder Arnold Schwarzeneggers Sicht auf die Welt. Die Performance People Suck But It’s Okay Because Cats von Julia Nitschke bietet eine profunde Analyse des Genres Katzenvideo.

begehrt! – filmlust queer
Lust, Intimität und Sexualität. Grenzen, Landschaften und Räume. Vergänglichkeit, Krankheit und Selbstbestimmung – darum geht es in der Sektion begehrt! – filmlust queer. Die besondere Stärke dieser Filme, die Geschichten aus lesbischer, genderqueerer* und trans* Perspektive zeigen, liegt im Mut, den verletzlichen Körper in den Mittelpunkt zu stellen. Experimentelle Kurzfilme, drei lange Dokumentar- und zwei Spielfilme brechen mit Normen von Kunst, erweitern unser Verständnis von Körper und finden dafür kraftvolle Bilder. Lana Lins Dokumentarfilm The Cancer Journal Revisited ist eine Wiederbegegnung mit der schwarzen, lesbischen, feministischen Poetin Audre Lorde. 27 Künstler*innen und Aktivist*innen lesen Lordes legendäres Tagebuch „Cancer Journals“ aus Queer-of-Color-Perspektiven und reinszenieren es als Dokument eines queer-feministischen Sprechens von Krankheit, Schmerz und Endlichkeit. -In Kooperation mit der LAG Lesben NRW- 

Wo die (feministische) Kunstgeschichte aufhört, da fängt der Dokumentarfilm Queer Genius an. Ein spannendes und ungewöhnliches Künstler*innenporträt: In experimentellen Episoden stellt der Film fünf queere Künstler*innen – unter ihnen Barbara Hammer und Rasheedah Phillips – vor, die alle mit ganz unterschiedlichen Materialien und Medien arbeiten.

Jeanie Finlays Seahorse – The Dad That Gave Birth ist ein Dokumentarfilm über Männlichkeit, Körper und Geburt. Wie ist es, als Trans*mann ein Kind auszutragen? Der Protagonist ist konfrontiert mit eigenen und äußeren Vorstellungen über Geschlechterzuschreibungen und Elternschaft. Dann entscheidet er sich mit Mut und Leidenschaft für die Schwangerschaft und all ihre Herausforderungen.

Patricia Ortegas beeindruckender Spielfilm Being Impossible erzählt die Geschichte von Ariel, die als intersexuelles Baby zur Welt kam. In starken, metaphorischen Bildern kanalisiert der Film die emotionale Situation von Ariel, die im Laufe der Erzählung die Geschichte ihres Körpers und ihr eigenes Begehren einzufordern lernt. Ein hochaktueller, berührender Film über gesellschaftliche Tabuisierung nicht-binärer Körper.

Las Hijas del Fuego von Albertina Carri ist ein lesbisch-feministisches Roadmovie. Ein Paar bricht gemeinsam mit einer anderen Frau zu einer Reise auf. Vor wunderschönen Landschaften probieren sie sich und ihre Lust aus und laden immer mehr Frauen ein, sich ihnen anzuschließen. Es entsteht ein Porno der auch danach fragt, wann Bilder zu pornographischen Bildern werden. Komplettiert wird die Sektion mit der lesbisch-feministischen Trilogie Trilogie Amber Bemak/Nadia Granados über Grenzen, Landschaft und Körper, und einem experimentellen Kurzfilmprogramm.

Alle Informationen zu den Sektionen und Terminen finden Sie ab 19. Februar auf unserer Website.



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