Die Filme

Brownian Movement
NL/D/BE 2010, Regie: Nanoul Leopold

Die Wettbewerbsauswahl 2011

Attenberg (Deutschlandpremiere)
Athina Rachel Tsangari, GR 2010, 95'

Marina lebt mit ihrem Vater in einer skurril anmutenden Industrie-Stadt am Meer. Auf bizarre Art distanziert von ihrer Umwelt, sind Marina die Menschen im Grunde fremd. Wären da nicht die Tierdokumentationen von Sir David Attenborough, die Musik von „Suicide“ und ihre einzige Freundin Bella, die ihr eine Art Sex-Nachhilfe gibt, die bei Marina nicht recht fruchtet. Während ihr Vater sich auf seinen Tod vorbereitet, taucht ein Mann in Marinas Leben auf und fordert sie zum Duell im Tischfussballspiel heraus.
„Attenberg“ liefert mit seinem distanzierten Minimalismus in großen Bildern eine berührende Geschichte von Freundschaft, Lebenslust und Verlust. „Coppa Volpi“ für die beste Hauptdarstellerin beim Filmfestival Venedig.

Zu Gast in Dortmund: Athina Rachel Tsangari



Brownian Movement
Nanouk Leopold, NL 2010, 100'

Charlotte (Sandra Hüller) ist Ärztin, verheiratet und hat ein Kind. In einer Wohnung, die sie sich mietet, hat sie beiläufig Sex mit Patienten. Es sind Männer, die die gängigen Schönheitsideale sprengen, weil sie alt, behaart oder extrem dick sind. Beinahe wie in einem wissenschaftlichen Experiment schläft sie mit ihnen. Als ihr Mann Max davon erfährt, droht nicht nur ihre Ehe zu scheitern. Das Paar versucht sich an einer Therapie. Doch Charlotte kann und will ihr Verlangen mit Worten nicht beschreiben. Schließlich startet die Familie einen Neubeginn in Indien, wo Max als Architekt arbeitet.
Sandra Hüller stattet die Figur der Charlotte in einer intensiven Darstellung mit einem Geheimnis aus, sie ist verletzlich und zäh zugleich. Nanouk Leopold, die 2007 ihren Film Wolfsbergen im Dortmunder Wettbewerb präsentierte, erzählt auch diesen Film mit formaler Strenge und großer Stilsicherheit.

Zu Gast in Dortmund: Nanouk Leopold



Dom
Zuzana Liová, CZ 2010, 97'

Imrich hat ein Geschenk für seine jüngste Tochter Eva: Fast im Alleingang baut er für sie ein Haus, neben seinem eigenen. Doch Eva graust es davor, dort einziehen zu müssen. Sie steht kurz vor ihrem Schulabschluss und hat ganz andere Pläne, als unter der ständigen Beobachtung ihres mürrischen und herrschsüchtigen Vaters zu leben. Dom ist die präzise und durchaus humorvolle Milieustudie einer sprachlosen Familie im ländlichen Teil der Slowakei. Vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels in der postkommunistischen Gesellschaft rollt Zuzana Liová einen Generationenkonflikt aus, in dem die unterschiedlichen Werte und Interessen zweier Generationen aufeinander prallen.

Zu Gast in Dortmund: Zuzana Liová



La mosca en la ceniza (Deutschlandpremiere)
Gabriela David, ARG 2010, 98'

Die Freundinnen Nancy und Pato werden mit falschen Versprechungen nach Buenos Aires gelockt und geraten in die Fänge des organisierten Frauenhandels. Eingeschlossen in der klaustrophobischen und brutalen Atmosphäre einer Wohnung in ganz bürgerlicher Umgebung schwindet ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Durch das Fenster sehen sie die Menschen ihrem Alltag nachgehen und keiner hilft. Pato reagiert gewalttätig und wird dafür heftig drangsaliert. Nancy, naiv und pragmatisch zugleich, fügt sich eher in ihre neue Situation ein. Gabriela David legt in ihrem Film, der auf einem wahren Fall beruht, den Fokus auf die enge Beziehung der beiden Mädchen.
Der Film erhielt den Publikumspreis beim Filmfestival Innsbruck.
Gabriela David starb im November 2010.

Zu Gast in Dortmund: Enrique Angeleri (Produzent und Ehemann von Gabriela David.)



Lo spazio bianco
Francesca Comencini, I 2009, 98'

Maria ist Lehrerin und lebt allein. Nach einem One-Night-Stand wird sie schwanger, doch sie erleidet eine Frühgeburt und das Überleben des Babys bleibt fraglich. Eine Zeit des Wartens beginnt. Die Monate, die sie in der Hoffnung verbringt, dass ihre Tochter den Inkubator verlassen kann, sind zermürbend. In der Einsamkeit des spazio bianco, einem von weißen Vorhängen umgebenen Raum, versucht Maria, sich ihren existenziellen Ängsten zu stellen und sich ihrem schutzbedürftigen Kind zu widmen. Francesca Comencini, eine der wichtigsten Regisseurinnen Italiens, hat mit Lo spazio bianco die gleichnamige Novelle von Valeria Parrella verfilmt.

Zu Gast in Dortmund: Antonia Truppo (Darstellerin)



Noir Océan (Deutschlandpremiere)
Marion Hänsel, B 2010, 85'

1972 melden sich drei unbedarfte Männer freiwillig für den Einsatz an Bord eines französischen Marineschiffs. Es nimmt Kurs auf das pazifische Mururoa Atoll, um dort Atomtests durchzuführen.
Die Männer sind sich weder bewusst über das persönliche Risiko noch über die dramatischen Folgen für die Erde. In einer Umgebung, die geprägt ist von Disziplin und Gewalt, Langeweile, Einsamkeit und Verzweiflung, freunden sich der reifere Moriaty und der eher kindliche Massina miteinander an. Zwischen ihnen wächst eine Beziehung von stiller Vertrautheit. Marion Hänsel adaptierte für das Drehbuch zwei Erzählungen von Hubert Mignarelli, der sich als junger Mann selbst zur französischen Marine auf dem Mururoa Atoll verpflichtet hatte. Sie war zuletzt 2007 mit ihrem Film Als der Wind den Sand berührte im Wettbewerb vertreten.

Zu Gast in Dortmund: Marion Hänsel



Richting West (Deutschlandpremiere)
Nicole van Kilsdonk, NL 2010, 90'

Ein Jahr im Leben einer europäischen Großstädterin. Ein Jahr im Leben einer allein erziehenden Mutter. Ein Jahr im Leben einer Singlefrau. Claire hetzt auf ihrem Fahrrad mit Kindersitz durch Rotterdam. Sie liebt ihr Kind, hat ihr Leben organisiert, nur manchmal kommt Sehnsucht auf. Dann lernt sie den charmanten Thomas kennen. Nach der ersten schönen Verliebtheit ist Claire allmählich bereit, an ein Gelingen der Beziehung zu glauben, doch Thomas zieht sich zurück, wird flüchtig und immer unfassbarer. Richting West ist ein lakonisches und feministisches filmisches Essay über das Leben und die Liebe in der Großstadt von heute. Susann Visser spielt die Rolle der Claire undramatisch und sensibel.

Zu Gast in Dortmund: Nicole van Kilsdonk



También la lluvia / Even the Rain
Icíar Bollaín, E/F/Mex 2010, 104'

In der bolivianischen Provinzhauptstadt Cochabamba will der junge Regisseur Sebastián (Gael García Bernal) einen Film über die Zeit der Eroberung unter Kolumbus drehen. Sein Film soll mit dem Mythos aufräumen, die westliche Zivilisation habe etwas dauerhaft Gutes nach Lateinamerika gebracht. Sebastiáns Freund und Produzent Costa ist nur daran interessiert, dass der Film rechtzeitig fertig wird und im Budget bleibt. Deshalb produziert er ihn in Bolivien, dem ärmsten und »indianischsten« Land Lateinamerikas. Durch ihre indianischen Protagonisten wird das Filmteam in die reale Revolte der Bevölkerung gegen die Privatisierung der Wasserversorgung hineingezogen.
Icíar Bollaín verwebt geschickt die inszenierte Auseinandersetzung in der Kolonialzeit mit dem aktuellen politischen Widerstand.
Panorama-Publikumspreis bei der Berlinale 2011.